St. Vincenz

Im Herzen der Stadt

Seit Jahrhunderten wird sonntäglich Gottesdienst gefeiert. Und wie es für eine Marktkirche sein soll, wird mittwochs Marktandacht gefeiert.

Die Stadt- und Marktkirche St. Vincenz

St. Vincenz liegt als Marktkirche im Herzen von Schöningen. Direkt neben dem geschäftigen Treiben auf dem Marktplatz ist das Kirchengebäude ein Ort der Einkehr und der Stille. Gleichermaßen ist sie eine weltoffene Begegnungsstätte für Bürger und Gäste, die sich bei den Marktandachten, bei ökumenischen Veranstaltungen oder anderen Gelegenheiten treffen. Hier verbinden sich Generationen, um in herzlicher Atmosphäre über Gott und die Welt zu sprechen.

Die gesamte heutige Ausstattung stammt wesentlich aus der von Herzogin Anna Sophie initiierten Wiederherstellung der Kirche zwischen 1644 und 1658. Durch die bewusste Kombination von statischen Renaissanceformen mit bewegten barocken Knorpelwerkornamenten entsteht eine sehr einheitliche Raumwirkung. Die Malereien des Altarretabels (1647), der Kanzel (1652) und der Fürstenprieche (1657) schuf der Braunschweiger Hofmaler Joachim Siegfried, während der Maler Brand Oe/mann aus der Ortschaft Hessen die Emporenmalerei im Langhaus (1658) ausführte. Altar, Taufstein, Kanzel, Fürstenprieche, Emporen und Orgelprospekt stellen ein ausführliches theologisches Programm dar, das sich dem Betrachter nur durch die gleichermaßen intensive Auseinandersetzung mit Inschriften und Bildern erschließt.

Aus Aufzeichnungen geht hervor, dass sich seit dem 12. Jahrhundert um die Pfarrkirche St. Vincenz die eigentliche Marktsiedlung entwickelte. Die Kirche St. Vincenz, die ihren Namen von St. Vincenz von Valencia hat, der in der mittelalterlichen Heiligenverehrung als der dritte bedeutende frühchristliche Märtyrerdiakon neben Stephanus und Laurentius galt, muss hier also schon existiert haben.

Über die frühe Baugeschichte der Vincenzkirche ist hingegen wenig Sicheres bekannt. Die Berichte über Grabungsbefunde aus den 1960er Jahren lassen sich schwer mit den Befunden der letzten Restaurierung übereinbringen. 1987-1990 fand man zwischen den beiden westlichen Langhauspfeilern Reste der Grundmauer einer sehr kleinen ersten Kirche (vermutlich aus dem 11. Jahrhundert) und Fundamente einer südlichen Langhauswand der zweiten romanischen Kirche (um 1250) vor. Sie liegt mit den Außenmauern des wuchtigen, querrechteckigen Westturms in einer Flucht. Der Westturm hatte ursprünglich keinen ebenerdigen Zugang. Nur über eine heute durch die Orgel verdeckte Öffnung an der Westseite des ersten Geschosses gelangte man in sein Inneres.

Nach Beschädigungen des Kirchenschiffs in der Fehde mit dem Magdeburger Erzbischof 1347 erweiterte man das einschiffige Langhaus um zwei Seitenschiffe. Von dieser dritten gotischen Kirche ist heute noch die Nordwand erhalten. Südseite und Chor wurden nach der Inschrift an den Schrägkanten des Kreuzigungsreliefs, das ursprünglich unter dem Ostfenster der Choraußenwand angebracht war und seit 1912 an der Nordseite vor dem Chor aufgestellt ist, ab dem Georgstag 1429 von Grund auf neu errichtet.

Die Seitenschiffe dieses spätgotischen Hallenlanghauses sind bis zur Front des romanischen Turmes vorgezogen. Der Chor mit dem nördlichen Sakristeianbau soll in der Amtszeit von Propst Herwig (1450- 1457) vollendet worden sein. Er besteht aus einem queroblongem, sterngewölbtem Joch mit 5/12-Schluss. Die Gewölberippen sind als Bimstab zwischen Kehlen gebildet. Außen an den Strebepfeilern befinden sich fünf stark verwitterte Konsolen, die Männer- und Frauenköpfe darstellen. Auf ihnen werden, ähnlich wie an dem wenige Jahre zuvor entstandenen Chor der Martinikirche zu Braunschweig, Figuren gestanden haben. Ein sich um den gotischen Außenbau ziehendes Gesims scheidet Fenster- und Sockelzone voneinander und ist durch rechteckige Knickungen über die gotischen Portale geführt. Über dem Nordwestportal zeichnet sich im Bruchsteinmauerwerk ein vermauerter Bogen ab. Ein Stein an dem zugemauerten Fenster erinnert daran, dass sich hier 1482 bis 1844 eine kreuzgewölbte Leichenhalle befand.

In der Besetzungszeit nutze Graf von Mansfeld die Kirche, um die Burg unter Beschuss zu nehmen und den Schlosshauptmann zur Aufgabe zu zwingen. Dazu ließ er 1542 die zum Markt gelegenen Schalluken der Vincenzkirche zu breiten Rundbogenfenstern erweitern, die Glocken entfernen und schwere Geschütze. Die gesamte Verwaltungs- und Rechnungsführung der Vincenzkirche ging an den Rat der Stadt über.

1563 und 1644 brannten Turm und Inneres der Kirche völlig aus. Beim Stadtbrand am 30. Juli 1644 wurde das Turmobergeschoß mit Uhr und Glockenstuhl und die gesamte Innenausstattung der Kirche vernichtet. Briefe vom 3. August und 2. September 1644 (Lk. A., Konsistorialakte, Nr. 190) berichten, dass die Kirche nach der Feuersbrunst einem Steinhaufen glich. 1654 zeigte sich die komplette Kirche mit neuen Dächern.

1618 richtete Herzogin Elisabeth eine Fürstenprieche über der Sakristei ein. Herzogin Anna Sophie fügte einen Wendeltreppenturm als Aufgang hinzu. Da er sich Mitte des 19. Jahrhunderts von der Kirchenschiffswand zu lösen begann, wurde er am 26. Oktober 1850 abgebrochen. Die um die gleiche Zeit erfolgte Schenkung dieser bisher rechtlich zur Schlosskirche gehörigen Prieche an die Gemeinde führte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer langwierigen Diskussion um die Kirchstuhlordnung. 1963 gestaltete man die Prieche zu einem Gruppenraum um ("Anna-Sophien-Zimmer").

Im Rahmen der Renovierung 1844 verschwanden wichtige geschnitzte Details: der Schalldeckel über der Kanzel, der Taufdeckel, der obere Teil des Altaraufsatzes und das Rückpositiv. Eine 1868 projektierte neogotische Erhöhung des Kirchturms kam nicht zur Ausführung. Im Rahmen der Renovierung der Außenhaut 1886/1887 ersetzte man den Fachwerkgiebel über dem Triumpfbogen zwischen Langhaus und Chor durch eine Abwalmung. Bei der Inneninstandsetzung 1905 paßte man die Kirchenbänke im Langhaus, die historistische Ausmalung und die neuen Chorfenster der gotischen Architektur an. 1906/07 folgte die Erneuerung des schlichten Chorgestühls und des Lesepultes.

1987-1994 konnte seit 1905 erstmals wieder eine umfassende Kirchenrestaurierung durchgeführt werden. Beim Verlegen der roten Wesersandsteinplatten über der neuen Fußbodenheizung wurde der Boden im Schiff etwas angehoben und im Altarraum etwas abgesenkt, um durch Einsparen einer Stufe zum Altarraum mehr Gehsicherheit in den Chorraum zu gewährleisten.

Ursprünglich füllten barocke Aufbauten des Altarretabels die gesamte Höhe des Chorraumes aus. Im Corpus Bonorum aus dem Jahre 1824 sind sowohl die beiden Engel, die neben dem Altaraufbau ihre Arme zu den Pforten des Altarumgangs strecken als Genien in Lebensgröße als auch zween Genien erwähnt, die über dem Kruzifix das Alt-Fürstliche Wappen halten.Dieses voluminöse Stifterwappen schmückte von 1844 bis 1994 die Orgelempore anstelle des Rückpositivs und ist heute auf der Nordempore über dem Eingang zum Sophienzimmer angebracht. Darüber befand sich – wiederum von zwei Genien gerahmt – eine Darstellung der Frauen mit den Spezereien am leeren Sarkophag.Den oberen Abschluss bildete der das Siegesfähnlein schwenkende Auferstandene. 1842/43 kam es zu einer Diskussion, ob der barocke Altaraufbau durch einen gotischen zu ersetzen sei.

Die Gemeinde verteidigte den Erhalt des unteren Teils und erklärte, dass nur der entstellende und offenbar von anderer Hand herrührende Obertheil verzichtbar sei. So wird das Retabel heute durch die goldenen Lettern über der Ädikulazone abgeschlossen: Über Maria und Johannes ANNO 1647 und über der Kreuzigung die wie folgt aufzulösenden Buchstaben V.on G.ottes G.naden A.nna S.ophia G.eboren A.us C.hur-fürstlichem S.tamm B.randenburg, H.erzogin Z.u B.raunschweig U.nd L.üneburg, W.itwe.

Die Ädikulazone ist durch vier korinthische Säulen gegliedert, die auf Postamenten in der Predellenzone vor die Retabelrückwand gestellt sind. Der Segmentbogen des Kreuzigungsbildes ragt etwas über die verkröpfte Gebälkzone der Säulen hinaus. Vor eine gemalte Landschaft mit der Stadt Jerusalem ist ein vollplastisch gearbeiteter Kruzifixus gestellt, dessen Kreuzbalken im Bildrahmen verankert sind. Zwischen den Säulen flankieren zwei geschnitzte Nischenfiguren den Gekreuzigten: Maria in einer Verzweiflung ausdrückenden Pose und der Jünger Johannes, der mit der Linken den Betrachter heranwinkt und mit der Rechten auf die Kreuzigung weist:

Christus hat durch seinen Opfertod die Gnade der Sündenerlösung für jeden einzelnen Menschen und für die gesamte Menschheit erworben. Dieser Gnade werden die Gläubigen beim gemeinsamen Abendmahl teilhaftig. Zwei Schrifttafeln mit den Einsetzungsworten des Abendmahls rahmen in der Predella das querrechteckige Gemälde des zweiten zentralen Darstellungsinhalts der lutherischen Lehre, des letzten Abendmahls.

In weiten Teilen handelt es sich um eine Kopie des 1618 entstandenen Abendmahlsbildes aus der Schöninger Schlosskapelle (seit 1775 in der Cluskirche). Der Künstler bediente sich verschiedener Figurenkompositionen aus Nachstichen von Gemälden von Rubens. "Die Eckfigur links und vielleicht auch Petrus und seine Nachbarn ... sind dem Abendmahlsstich des Mare Antonio entnommen. Die Eckfigur rechts mit den ausgebreiteten Armen und Judas sind die beiden Jünger auf dern Ernmausbild in der Kirche St. Eustache zu Paris, das Rubens um 1610 gemalt und W. Swanenburg 1611 gestochen hat." (Oertel)

Überraschend ist, dass die dargestellten menschlichen Reaktionen im neuen Kontext problemlos funktionieren. Der Betrachter nimmt sie nicht mehr als das Ergriffensein der Ernmausjünger von der unerwarteten Gegenwart des Auferstandenen wahr, sondern als Erschrecken über den Verrat am Herrn. Durch die Verbindung des Motivs der Verratsankündigung mit dem der Einsetzung des Gedächtnismahls entsteht eine seltsame Spannung in der Komposition. Die Jünger diskutieren leidenschaftlich den Verrat. Von den Worten des Herrn getroffen ist im Vordergrund Judas aufgesprungen und stützt sich mit einer Hand auf den Tisch, mit der anderen auf die Stuhllehne. Von der Aufregung unberührt ist Christus auf die rituelle Segnung von Brot und Wein konzentriert. Er wirkt seiner Umgebung entrückt und bildet einen eigentümlich ruhigen Pol innerhalb der stark bewegten Komposition.

Neben dem Retabel der Schöninger Schlosskirche hatte das Renaissanceretabel zu Beatae Mariae Virginis in Wolfenbüttel eine gewisse Vorbildfunktion. Hier sind typologisch die Hauptmotive vorgebildet: Die Portale links und rechts der Mensa, das von Schrifttafeln gerahmte Abendmahlsbild in der Predella, die vier Säulen mit geschnitzten Kreuzigungsfiguren und der Auferstandene in der Gewölbezone.

Hofmarschall Raban v. Canstein und seine Gattin Lucia geb. v. Oppershausen stifteten 1652 die barocke Kanzel am südöstlichen Schiffspfeiler. Korb und Aufgang sind aus Fichtenholz, die geschnitzten Knorpelwerkornamente und Statuen aus Lindenholz. Am Aufgang sind Aaron, David, Daniel und Petrus in rautenförmigen Ölgemälden zwischen geschnitzten, vergoldeten Hermenpilastern dargestellt.

Das Gewand Aarans ist nach Angaben in 2. Mose 28 für ein hohenpriesterliches Ornat gemalt: Brustschild mit zwölf Edelsteinen als Sinnbild der zwölf Stämme Israels, Purpurrock mit goldenen Schellen, queraufgesetzte (Hörner-)Mitra und Weihrauchgefäß. David in Herrscherpose trägt ein pelzbesetztes Obergewand über einem Brustharnisch. Als Attribut ist ihm die Harfe zugeordnet, während Daniel über einen Sternenglobus ein aufgeschlagenes Buch hält und Petrus mit ausgestrecktem Arm die Schlüssel präsentiert.

Ein bemalter Baumstamm trägt auf sechs Voluten den sechseckigen Kanzelkorb. Vor fünf Ecken des Kanzelkorbes stehen auf kleinen Konsolen Holzfiguren je eines Vertreters der Propheten, der Evangelisten (Johannes mit Buch und Adler), der Apostel, der Märtyrer (Stephanus mit Steinen und Palme) und der Kirchenväter (in Bischofstracht). Die Felder dazwischen sind mit rundbogigen Holztafelgemälden gefüllt, die Stellen aus der Schrift illustrieren, in denen es in besonderer Weise um das Wort Gottes geht:

  1. Moses auf dem Berge Sinai über dem tief darunter liegenden Zeltlager des Volkes Israel;
  2. Pfingsten, die Taube als Symbol des Heiligen Geistes schwebt über Maria und den Aposteln, die Flammen über ihren Köpfen symbolisieren die Ausgießung des Heiligen Geistes;
  3. Vision des Hesekiel (1, 3-28), dem Prophet streckt die Hand Gottes aus den Wolken einen Zettel mit hebräischer Inschrift entgegen, rechts die zu einem vielflügeligen Wesen vereinigten Evangelistensymbole und die vier ineinander verschachtelten Räder, im Bogenfeld thront Gottvater in der Glorie; 
  4. das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Matth. 13, 24-30), eine Ackerlandschaft mit säendem und pflügendem Landmann, dahinter schlafende Landleute, denen der Teufel in Pansgestalt das Feld bestellt.

Über und unter allen Gemälden und Statuen an Korb und Aufgang weisen Bibelsprüche auf die Wortverkündigung hin. Die Schrifttafel hinter dem Prediger mahnt, das Wort Gottes richtig auszulegen. Das Anno 1710 von Superintendent Conrad Casper Tiefemann gestiftete Kanzelpult mit Intarsienarbeiten steht jetzt auf dem Altar.

Im Gegensatz zu der sonst üblichen Aufstellung als Kanzelträger ist Moses vor dem Kanzelkorb als freistehende Holzfigur mit Stab und Gesetztestafeln dargestellt. Bei der letzten Restaurierung wurden die rechte Hand, die Füße und einige Tuchfalten ergänzt und Wanderstab und Gesetzestafeln komplett erneuert.

Der von Oberamtmann Julius Hakeberg und Hoff-Medicus Andreas Arnoldi (dem Sohn des ersten evangelischen Pfarrers und Superintendenten an St. Vincenz Lazarus Arnoldi) 1647 gestiftete Taufstein stand ursprünglich im mittleren Langhausjoch und wurde um 1820 an die jetzige Stelle versetzt. Ein farbig gefasster Natursteinfuß, der mit erhabenem, emporrankendem, barockgotisierendem Blattwerk geschmückt ist, trägt eine sechseckige Steinplatte.

Die Malereien an der Fürstenloge zum Chorraum zeigen Christus und das kanaänische Weib zwischen zwei Engeln. Die gesamte Priechenarchitektur krönt das Portrait der Stifterin Herzogin Anna Sophia in einer reich verzierten Knorpelwerkkartusche und die Jahreszahl 1657. Die Inschriften der Fürstenprieche spielen auf die großen organisatorischen Leistungen Anna Sophiens an:

Ich bin für viele wie ein Wunder, aber du Herr bist meine starke Zuversicht, mein Gott eile, mir zu helfen, und: O Gott, du lässest mich erfahren viel und große Angst. Mache mich wieder lebendig und hole mich wieder aus der Tiefe der Erden heraus (Ps. 71, 7,12 u. 20)

Auf dem Altar, über der Darstellung der Kreuzigung, der Heilserwerbung und der Teilhabe daran durch die Gemeinde beim Abendmahl, hatte die Herzogin einst ihr Wappen angebracht und damit gezeigt, wer die irdische Herrin in diesem Gotteshause war. Kurz vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges war dies eine verständliche Aussage: Nur unter dem Schutz des Landesherrn konnte der rechte Glaube auf Erden gedeihen. Die Abfolge der Anbringung der Namen derer, die für die Ausstattung der Kirche stifteten, betont die gesellschaftliche Rangordnung. Die Namen der bedeutenderen Persönlichkeiten des brandenburgischen und des braunschweigischen Hofstaates sind in der Nähe der Fürstenprieche an der Nordseite genannt, die der Innungen, der Stadt und ihres Bürgermeisters befinden sich im Westen. Die Ständgesellschaft zeigt die Ordnung im Reich dieser Welt. Das Reich Gottes erlangt man jedoch nur über das Wort, das von der Kanzel verkündigt wird. Sie durchbricht die Hierarchisierung des Raumes und steht mitten im Gemeinderaum auf der Südseite zwischen den Vertretern des Neuen Testaments. So kann das Wort die Gemeindeglieder aller Gesellschaftsschichten gleichermaßen gut oder schlecht erreichen, wie es im Gleichnis vom Weizen, das sich an der Westseite der Kanzel befindet, dargelegt ist. Die Mosesstatue steht unterhalb des Predigers vor dem Kanzelkorb. Im Gottesdienst ist das Evangelium dem Gesetz übergeordnet.. 

Die Gliederung der Brüstung der Emporen im Langhaus ist in der Horizontalen schlicht dreigeteilt. Über einem glatten, mit Inschriften versehenen Sockelfries befinden sich querrechteckige Felder mit auf Leinwand gemalten Brustbildern von alt und neutestamentarischen Persönlichkeiten. Die Dargestellten zeigen sehr unterschiedliche Posen. Sie zeigen sich mal aktiv, mal statisch, mal frontal, mal im Profil nach links oder nach rechts gewendet.

Die Bildfelder und Inschriften sind durch plastisch gearbeitete Doppelpilaster und Triglyphen im Abschlußfries voneinander geschieden. Über jedem Bild ist in kapitalen Lettern der Name des Dargestellten und darüber in Frakturschrift ein biblischer Spruch angebracht, der sich direkt auf die genannte Person bezieht. Unter die Bilder sind in weniger enger Abhängigkeit dazu die Namen einzelner Personen oder von Gesellschaftsgruppen genannt, die für den Wiederaufbau der Kirche gespendet haben.

Ist man zunächst von den Bildern angezogen, so erweisen sich die Inschriften darüber und darunter beim näheren Hinsehen jedoch bald als nicht minder wichtig. Das Wort steht über dem Bild, denn Luther duldete zwar Bilder, maß aber dem Wort die größte Bedeutung zu. Der Wertschätzung der Wortverkündigung wird dadurch Rechnung getragen, daß die Verkünder des Wortes abgebildet sind und durch Texttafeln erklärt werden. Wichtig ist dabei, daß ihre Bedeutung durch Beschriftung als eindeutig schriftgemäß belegt wird.Die Bilder an der Nordseite zeigen Gestalten aus dem Alten Testament und sind von Osten nach Westen zu lesen. Da man sich von Gott kein Bild machen darf, steht auf dem ersten Brüstungsbild in hebräischen Lettern der Name Gottes ("Jahwe"). Ihm folgen Moses, David und dreizehn große und kleine Propheten (Jesaja, Jeremia, Hesekiel, Daniel, Hosea, Joel, Amos, Micha, Habakuk, Zephanja, Haggai, Sacharja, Maleachi). Ihnen sind alttestamentarische Sprüche zugeordnet, die auf das Kommen des Messias hindeuten.

Typologisch den alttestamentarischen Figuren gegenübergestellt zeigen die Brustbilder an der Südseite Persönlichkeiten aus dem Neuen Testament, östlich der Kanzel beginnend mit JESVS CHRISTVS DEI FILIVS, VIRGO MARIA, JOHANNES BAPTIST A.

Westlich der Kanzel schließen die zwölf Apostel Petrus, Andreas, Johannes, Jakobus major, Thomas, Jakobus minor, Philippus, Bartholomäus, Matthäus, Sirnon Zelotes, Judas Thaddäus, Matthias an. Diesen zwölf ist jeweils ein Satz aus dem Glaubensbekenntnis zugeordnet. Im Gegensatz zur mittelalterlichen Tradition ist Paulus dem Zyklus nachgeordnet Sein Bildnis erscheint, im rechten Winkel davon abgesetzt, westlich an der Orgelempore unter einem Satz aus dem 1. Korintherbrief:
Ich habe es von dem Herrn empfangen, was ich euch gegeben habe. Die protestantische Bibelauslegung trennt hier zwischen direkten Zeugen und Bekennern des Lebens Christi und dem Apostel Paulus, der nach der Apostelgeschichte erst während der ersten Christenverfolgungen bekehrt wurde.

Mit Maleachi und Paulus greift die Bildergalerie der Langseiten auf die Schmalseite der Westempore über und endet beidseits des Rückpositivs mit Martin Luther und Philipp Melanchthon.

Durch die Anordnung der Gemälde wird die Hierarchisierung des Raumes von Osten nach Westen betont. Das Programm wäre jedoch unvollständig interpretiert, ließe man Altar, Fürstenprieche, Kanzel und Orgel aus der Betrachtung heraus. Ihre Anordnung macht eine sehr konkrete Aussage über die gesellschaftlichen Hierarchie im 17. Jahrhundert. Das Fürstenhaus, als Vertretung des Gesetzes auf Erden ordnete seine Prieche östlich des Wortes Gottes neben dem Altarraum an.

Auf der Westempore türmen sich Ober-, Brust- und Pedalwerk des 1646 von Jonas Weigel geschaffenen barocken Orgelprospekts bis in die Spitze des Gewölbes. Den kompositorischen Halt der Aufbauten in der Horizontalen geben zwei auf verschiedenen Ebenen verspringende Stockwerkgesimse und Friese, die mit Inschriftenbändern überzogen sind. In der Vertikalen dominieren drei halbkreisförmig vortretende Pfeifentürme mit gewölbten Schleierblenden, die die Stockwerksgesimse durchbrechen und oberhalb ihres Kranzgesimses mit einem bekrönenden Gesprenge aus Ohrmuscheldekor versehen sind. Über dem Spieltisch stehen zwei mit Blasinstrumenten musizierende Engel.

Jonas Weigel war ein Schüler des bedeutenden Kurfürstlichen-Sächsischen Hoforgelmachers Gottfried Fritsche aus Meißen. 1646 schuf er zunächst den Prospekt für die mit 33 Registern, 3 Manualen und einem Pedal geplante Orgel. Doch gelang es Weigel zu seinen Lebzeiten nicht, die von Herzog August 1647 auf 2 Manuale, Pedal und 22 Register reduzierte Konzeption fertigzustellen. 1665 war Friedrich Beßer damit beauftragt, die kleinere Lösung zu vollenden. 1844 ließ Kammerbaumeister Blumenstengel das ursprüngliche Rückpositiv zu Gunsten der Aufstellung des Kirchenchores entfernen. 1868 baute die Werkstatt Eu/er aus Gottsbüren chromatische Schleifladen ein und veränderte dadurch Disposition und Werkaufbau im Innern der Orgel grundlegend. 1917 wurden die letzten Originalpfeifen für Kriegszwecke ausgebaut und vernichtet. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden verschiedene Reparaturarbeiten durchgeführt bis die Berliner Orgelbaufirma Schuke 1992 den Auftrag erhielt, die Orgel nach den wiederentdeckten Plänen von Jonas Weigel samt Rückpositiv neu aufzubauen. Orgelgehäuse und Orgelprospekt konnten 1994 weitestgehend in der historischen Farbigkeit mit Rotmarmorierungen, Schwarz- und Ockerfassungen, Vergoldungen sowie Ausmalung der Engelsinkarnate an den Schleiern wiederhergestellt werden. Die Weihe der neuen Weigelorgel fand am 13. Februar 1994 statt.

Den achtarmigen Messing-Hängeleuchter über dem Taufstein stiftete Herzogin Anna Sophie. Als Bekrönungsfigur zeigt er durch Schwert und Waage gekennzeichnet den Gerichtsengel.

Den in der Nähe der Kanzel an der Südempore angebrachten Armleuchter aus Messing mit Schlüssel und Hufeisen stiftete 1767 die Schlosser- und Schmiedeinnung als Pendant zu dem 1651 von Handelsgärtnermeister Ernst Lüter geschenkten Wandleuchter gegenüber. Die beiden großen Altarleuchter erwarb Superintendent Ritter 1819 von Johann Heinrich Stobwasser & Sohn in Braunschweig. Das 1898 eingeführte Gasglühlicht wurde 1949 durch elektrisches Licht abgelöst. Die heutigen kegelförmigen, kupfernen Pendelleuchten lieferte die Firma Ölmann 1990. Das ewige Licht vor dem Kreuzigungsrelief stiftete die katholische Kirchengemeinde St. Marien zur Wiedereinweihung der Kirche am 9.12.1990.

Den Kerzenständer in der Andachtskapelle entwarf der Bildhauer Hermann Poh/1992.

Besonders aufwendig gearbeitet sind die neorenaissancistil sehen Gestaltungsformen der Rückwände, die am oberen Rand und mit den Konsolen aus jeweils gleichartige Dämonenfratzen aufweisen. Sie harmonieren mit den Formen der Einbauten aus dem 17. Jahrhunderts. Lediglich hinter dem heutigen Chorgestühl konnte der Restaurator Fritz Herzig einen illusionistisch auf die Wand gemalten Vorhang aus der Zeit um 1650 ausmachen.Die restliche Ausmalung schuf der Braunschweiger Hofdekorationsmaler Adolf Quensen d. Ä. 1905 nach eigenen Entwürfen. Neben spiralförmigen Ornamenten und Ranken für die Grate und Bögen der Gewölbe, zum Teil mit Eichenblatt- und Pinienzapfenmotiven in den Fensterlaibungen der Seitenschiffe kreierte Quensen den zwischen zwei musizierenden Engeln in einer Mandorla auf einem Regenbogen thronenden Christus über dem Jochbogen zum Chor. Damit setzte er sich gegen den Willen des Museumsdirektors des Herzoglichen Museums Braunschweig und Beauftragten für Denkmalpflege Hans Jonas Meier durch , der die 1844 weiß übertünchte alte Inschrift, die über die Brandkatastrophe im Jahre 1644 berichtete, wiederherstellen wollte.Die Verglasung der Fenster unter den Emporen mit einfachen Mustern und die neogotische Farbverglasung im Chor lieferte das Institut für Glasmalerei und Kunstglaserei Ferdinand Müller in Quedlinburg. Die szenischen Darstellungen im Chorpolygon zeigen vier Motive aus dem Leben Jesu: Anbetung der Hirten, Taufe im Jordan, Auferstehung, Pfingsten. Zum Teil sind die Namen der Schöninger Bürger, die sie 1905 stifteten, auf den Fenstern zu lesen. Das Wappen mit der Unterschrift Das Fürst/. Haus Braunschweig u. Lüneburg 1646 im Mittelfenster über dem Altarretabel ist der einzige erhaltene Teil der Barockverglasung.Die 1923 von Kurt Hans Hanke als Gedenkstätte für die 312 im Ersten Weltkrieg gefallenen Bürger eingerichtete Kapelle im Westturm erhielt zu Ostern 1992 ihre heutige Form als Andachtskapelle.

Ihr Zentrum bildet die von dem Kasseler Bildhauer Hermann Pohl geschaffene Bronzefigur der Begegnung Maria Magdalenas mit dem Auferstandenen, die ein hohes Kreuz auf einem altarähnlichen Sockel ersetzt hat. Die Fensterrose mit dem leuchtenden Stern und der Dornenkrone ist ursprünglich als Glorienschein für dieses Kreuz geschaffen worden.

An der Emporensüdwand erinnert ein von gedrehten Säulen mit korinthischen Kapitellen gerahmtes hochrechteckiges Schriftfeld an Oberamtmann Julius Hakeberg (*1596, + 1666).

Auf der Südempore an der Westwand neben der Orgel befindet sich das Epitaph für Superintendent Conrad Caspar Tielemans ( + 1727). Unter dem Familienwappen zeigt ein hochovales Gemälde den Verstorbenen im Talar mit Perücke. Er weist auf einen Kruzifixus hinter einem Buch hin, in dem der Ruhm des Kreuzes Christi (Gal. 6, 14) aufgeschlagen ist. Den Unterhang bildet eine große querovale, von Rollwerk und Palmwedeln eingefaßte Inschriftenkartusche. Das aufwendige sog. "Epitaph Christo Salvatori" für die RittmeistergattinDorothea Steinbrinck (* 10.9.1600 I + 9.2.1661) befindet sich heute in der Kapelle westlich des Turmes. Die Hauptzone ist ähnlich der des Altarretabels durch vier Säulen und einen Segmentbogen über der Mitte gegliedert. Hier befindet sich eine Schrifttafel und ein Halbfigurenbild der Verstorbenen mit ihrem Gatten, links und rechts davon die Tugenden fides (mit Kreuz) und spes (mit Anker). Über dem verkröpften Gebälk

folgt auf der Mittelachse eine sehr bewegt gemalte Auferstehung Christi unter einer an gotischen Formen orientierten Marienstatue. Den Unterhang bildet eine querovale, knorpelwerkumrankte Inschriftenkartusche.

An der Südseite des Turmes befand sich das Erbbegräbnis des Hackebergischen Hofes, das in den 1820er Jahren geschlossen und zugemauert wurde, an der Nordseite das der Familie von Steinbrink An der Wand zum Turm in der nördlichen Kapelle sind heute in Ost-West-Richtung folgende barocke Grabsteine aufgestellt: Rektor Joachimi Johannis Maderi (*1626, + 1680), Susanne Elisabeth Mehlbaum, die Gattin des Joachim Christoph Wiedemann (* 1661, + 1715) und Gerichtsschultheiß Petrus Johannes Dresing, Prätor von Schöningen und Königslutter (*21 Juli 1663, + 11 . März 1720). Der klassizistische Grabstein für Dorothea Caecilia Johanna Otto, die Gattin des Generalsuperintendenten Johann Friedrich Schönberger-Ottmer (*21. Juli 1733, +24. Juli 1794) bildet den Abschluss. Umschreitet man die Kirche, so trifft man an den Außenwänden auf weitere Grabsteine und Steinepitaphien: Den Rokokograbstein für Superintendent August Gesenius (1762-1773) in der Mitte der nördlichen Langhauswand, das Epitaph für Bürgermeister Hermann Daniel Berking (1657-1721) im Joch zwischen den beiden Portalen an der Südseite, die Grabplatte des Bürgemeisters Martin Valentin Himmel (1669-1733) an der Sockelfront des südlichen Strebepfeilers zwischen Chorquadrum und -polygon, drei Relieftafeln für die vier 1573, 1579 und 1584 verstorbenen Kinder des Pastors Lazarus Arnoldi (1570-1605) am südöstlichen Strebepfeiler des Chorpolygons.

Von den sechs historischen Kelchen ist der von Herzog Heinrich dem Jüngeren im Jahre 1563 gestiftete das einzige Überbleibsel der Ausstattung der Kirche nach dem ersten großen Stadtbrand. Drei weitere, vom Typus spätgotische Kelche aus dem 15. und 16. Jahrhundert, die zum Teil mit Renaissancedekor verziert sind, wurden nach der Brandkatastrophe 1644 gestiftet. Sie bestehen aus vergoldetem Silber. Die Knäufe sind zum Teil mit Edelsteinen besetzt. Auf dem Sechspaßfuß findet sich das Relief des Gekreuzigten und das Braunschweigische Wappen. Die Inschrift unter dem ältesten und einzigen Kelch mit rundem Fuß, der um 1400 entstand, verweist auf die Herkunft aus der Stadt Franckfurt an der Oder, den 28. Augusti Anno 1646. Ebenfalls aus Frankfurt stammt die gotische Patene (=Hostienteller), die als flacher Schüsseltypus mit eingeschriebenem Sechspaß ausgebildet ist und ein Wappenschild mit dem Frankfurter Hahn aufweist.

Für die nordwestliche Eingangstür entwarfen Pastor Althaus und der Bildhauer Erich Brüggemann 1967 den Türgriff als Bronzerelief mit dem Motiv der Glaubensprüfung Abrahams (1. Mose, 22) .

Gottesdienste

Sonntags im Wechsel
9.30 Uhr St. Vincenz-Kirche
10.30 Uhr St. Lorenz-Kirche

Marktandacht St. Vincenz
mittwochs 10.30 Uhr
mit anschließendem Kirchenkaffee